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15 April 2022

1905 - La Mode Illustrée

Der Frühling ist da und wir zeigen heute die Empfehlungen der  "La Mode Illustrée" vom 23. April 1905. 

Die S-Linie ist in Hochform. Schon früher galt: Wer seine Wirbelsäule nicht (nur) durch das entsprechende Korsett in die gewünschte Hohlkreuz-Position zwingen wollte, behalf sich mit Auspolsterungen an Po und Brust um die moderne Silhouette zu erreichen. Wo nichts ist, wird eben nachgeholfen, das ist in der Mode nichts neues. 





 

Die Röcke haben weiterhin die beliebte Glockenform. Sie werden bodenlang getragen. Eine kleine Schleppe macht sich gut beim Spazieren. Kombiniert werden die Röcke je nach Gelegenheit mit passenden Jacken und Westen oder - wenn es legerer sein darf - mit Blusen.




Abends dürfen die Kleider wie immer aufwändiger verziert sein.


05 Oktober 2021

1907 - "Über Unterkleider zu duftigen Toiletten"

Die "Grosse Modenwelt" schreibt 1907 unter der Rubrik "Praktisches für die Hausschneiderei" über das Arbeiten an Unterkleidern. Dieser Bericht gibt einen schönen Einblick auf das zeitgemäße Vorgehen, daher möchte ich gerne auf diesen Text aufmerksam machen. Bitte Unterkleider nicht mit Unterhemden verwechseln.

Über das Arbeiten der Unterkleider zu duftigen Toiletten

"Um eine Toilette luftig und leicht zu erzielen, genügt nicht nur die Wahl duftiger Stoffe, wie crêpe de Chine, Tüll, Spitzen u. dgl., sondern die richtige Herstellung des den Oberstoff stützenden Unterkleides ist dabei von großer Wichtigkeit. Im Allgemeinen wählt man zu den Toiletten aus oben genannten Stoffen das Unterkleid aus Taffet, da dieser den Fall der Stoffe am besten zur Wirkung kommen lässt.

Hierbei sei bemerkt, dass Taffet - und Seide überhaupt - nie geplättet werden darf. Die Hitze des Plätteisens wirkt sehr nachteilig auf die Seide; sie nimmt ihr nicht nur den natürlichen Glanz, sondern auch jeden Fall, und schon manches Mißlingen des Rockfalls ist auf das Verplätten des Taffetunterrockes zurückzuführen. Behandelt man die Nähte vor dem Zusammenfügen sehr vorsichtig - man nähe sie mit nicht zu festem Maschinenstich, um ein Zusammenziehen der Naht zu verhindern - so ist ein Plätten derselben unnötig, es genügt dann nur ein festes Auseinanderfalten mit dem Daumennagel. Wäre trotzdem ein Plätten nötig, so dürfte die Naht nur auf die Kante des Plättbrettes gelegt und nur von der Spitze des Eisens berührt werden.

Über dem Taffetunterkleid bringt man dann, der Mode folgend, für crêpe de Chine-, Spitzen-, Chiffon-, Pailettentüll- u. dgl. Toiletten noch ein Zwischenkleid aus Chiffon an; für Tülltoiletten - je nach Arrangement und Feinheit des Stoffes - ein bis zwei Tüllzwischenkleider. Hierzu benützt man eine billige Qualität, die auch im Handel für diese Unterkleider käuflich ist.

Der Taffetunterrock, welcher die Hüften stets glatt umschließt, wird, wie es die Mode ja schon lange verlangt, ohne jede Einlage gearbeitet. Den Schnitt kann man beliebig je nach der Garnitur des Oberstoffrockes wählen - d.h. bei einem weniger garnierten Rocke gibt man der Grundform einen Serpentinenvolant; für reich garnierte Röcke empfiehlt sich eine glatte Grundform. Beide erhalten am unteren Rande eine fingerdicke Schnur eingefügt und werden mit einem Taffetplisse begrenzt, dem man noch eine 2 bis 3 cm breite, ausgezackte Taffetrüsche aufgarnieren kann.

Den Chiffonzwischenrock schneidet man nach der Form des Taffetrockes, und zwar legt man den zusammengenähten Rock, ehe er in das Bündchen gefasst wird, auf den ausgebreiteten Chiffon - der Chiffonrock erhält somit in der vorderen Mitte eine Naht - schneidet diesen nach der aufliegenden Rockform und gibt dabei in der Weite oben nur wenig und nach unten soviel zu, daß er leicht faltig über den Taffetrock fällt. Oben eingekräußt wird er mit dem Taffetrock zusammen in ein Bündchen gefaßt und unten je nach Material und Arrangement der Toilette mit Plissee und Rüsche oder zwei kleinen Vollants mit Spitzenabschluss garniert. Am Garnituransatz und hinteren Schluß wird er dann hie und da mit losen Stichen dem Taffetrock angeheftet. Siehe Abbildung Nr. 2. Wählt man doppelte Tüllzwischenröcke, so wird man den unteren in der Weite des Taffetrockes und nur den oberen etwas weiter schneiden; ebenso erhält der untere eine einfachere, der obere eine reichere Garnitur.

 

Der anschließenden Taffetfuttertaille gibt man, um bei festem Sitz ein Platzen der Nähte zu vermeiden, ein dünnes Batistfutter, doch nur in Miederhöhe; eine durchweg unterfütterte Taffettaille würde nur unnötig schwer sein. Beim Ausarbeiten der Taille sind nach der Außenseite durchgreifende Stiche zu vermeiden, da diese bei den dünnen Oberstoffen sichtbar bleiben. Ausgeschnittene Taillen erhalten am Ausschnittrande einen Seidenpaspel, durch den ein Bändchen oder eine Seidenschnur zum Zusammenziehen geleitet wird, um dadurch dem Ausschnitt einen sicheren Sitz zu geben. Für blusig gearbeitete Taillen mit hohem Gürtel erlaubt die heutige Mode ein fischbeinloses Futter in Blusenform, das nur bis zum Taillenabschluss reicht und hier eingekräußt in den Gürtel tritt, siehe Abbildung Nr. 1.

 Vor dem Aufarbeiten des Oberstoffes überzieht man die Futtertaille leicht faltig oder je nach dem Arrangement leicht blusig mit dem "Zwischen"chiffon oder - tüll. Bei Tülltoiletten wird man außerdem dem Oberstoff, je nach Feinheit des Gewebes noch eine glatte Unterlage geben. Eine bestimmte Regel lässt sich hier jedoch nicht aufstellen; es sprechen in erster Linie die richtige Erkenntnis des Schönen, das Arrangement des Materials und nicht zum wenigsten die Figur der Trägerin mit. Zwischen - und Oberstoff reichen natürlich nur bis zum Gürtelansatz, da sie unter dem Gürtel die Taille nur unnötig verstärken würden. 

Der ungefütterte Taffetärmel erhält, je nach Arrangement und Material eine leicht völlige Überlage, einen Zwischenbausch oder auch beides zusammen. Empire- und Reformtoiletten aus duftigen Geweben erhalten ebenfalls Zwischenkleider aus Chiffon oder Tüll. Bezüglich Schnitt und Garnitur gilt das oben erwähnte auch hier - noch sei bemerkt, dass das Zwischenkleid nie glatt über das Unterkleid fallen darf und stets an der selben Stelle wie auch der Oberstoff ansetzen muß."

01 Januar 2021

1905 - "Die Modenwelt"

Herzliche Grüße und die besten Wünsche für das Neue Jahr an alle unsere Leserinnen und Leser. Wir beginnen 2021 mit einem illustrierten Moderückblick:

Im Jahr 1905 bestimmen weiterhin S-Linie, Glockenrock und Taubenbrust das Modegeschehen. "Die Modenwelt" begrüßt das Neue Jahr in den Januar-Ausgaben der Zeitschrift unter anderem mit nachfolgenden Modellen, die zum Teil sehr detailliert beschrieben sind. Es ist die Saison für Bälle und Gesellschaften - viele Kleider für die entsprechenden Gelegenheiten finden sich daher unter den Darstellungen.

v.l.n.r: Besuchskleid (Blusentaille mit hohem Gürtel  und eingereihtem Rock), Schneiderkleid für stärkere Damen, Besuchskleid mit halblangen Ärmeln


v.l.n.r.:

Gesellschaftstoilette mit breitem Spitzenkragen: Die grüne Panne-Toilette zeigt einen breiten Schulterkragen aus elfenbeinfarbiger Chiffonspitze und grüner irischer Gipüre, dazu gezogene, über 1 cm breiten Leinenstreifen mit Watteauauflage hergerichtete Sammetblenden und Schlupfen aus hellblauem Libertyband. Ein etwa 11 cm tiefer Latz auch Chiffonspitze mit harmonisierendem Stehkragen füllt den spitzen Ausschnitt der Futtertaille. Dieser war der Oberstoff, der rückwärts eine 6cm breite Tollfalte zeigt, rings bauschend aufgebracht. Der zu doppelter Puffe abgereihte, 85 cm weite Ärmelbausch tritt in eine, mit dem Kragen harmonierende Manschette. Hellblauer Chiffonvorstoß begrenzt den oberen Rand des Garniturkragens, der vorn schräg übereinander tritt und hier mit zwei Schlupfen besetzt ist. Der Sammetgürtel zeigt vorn wie rückwärts zwei ineinander verschlungene Besatzringe unter denen sich vorn der Schluß verbirgt. Loser Futterrock. Der Oberrock besteht aus einer 24 zu 45 cm breiten Rockbahn, die durch Schnurziehungen auf 6 cm obere und 14 cm untere Breite gebracht wurde und den rückwärts stark abgeschrägten, zusammen 410 cm weiten Glockenbahnen, die, oben durch Falten eingeschränkt, mit ihren fadengeraden Rändern auf die Vorderbahn treten. Der Blendenbesatz schiebt sich in 25 cm breiten Zwischenräumen als Schlingenfigur durch einen Ring. 

Ballkleid mit Rüschengarnitur: Schwarzer Tüll d´esprit wurde über weißem Taffetfutter und scharzer Chiffon-Zwischenlage verarbeitet. Den Besatz ergaben Rokokoschleifen aus schwarzem Sammet, Kränze aus bunten Chiffonräschen, dazu einfache und doppelte Rüschen. Für Letzere wurden zwei, je 3 cm breite Valenciennes-Spitzen mit ihren glatten Rändern aneinandergesetzt und in Tollfalten gelegt; die Mitte deckt 1 cm breites, puffig angeschobenes Seidenband. Jeder Spitzenrüsche ist eine 4 cm breite schwarze Tüllrüsche untergesetzt. Über der spitz ausgeschnittenen Futtertaille mit vorderem Hakenschluß wurde der 170 cm weite Oberstoff rückwärts straff gefaltet , vorn bauschend arrangiert. ein 20 cm langes Futterärmelchen stützt den Ärmeloberstoff aus einem 120 cm weiten Bausch und einem 100 cm weiten, auf 8 cm Höhe abgereihten Püffchen. Eine doppelte Rüsche bildet den Abschluß; dazu ein 20 cm langes Tüll-Ende. Die sich kreuzende Fichugarnitur erfordert eine Grundform aus doppeltem Tüll, die auf der Schulter 12, vorn etwa 7 cm Weite mißt und sich rückwärts auf 3 cm Breite verschmälert; eine Rüsche begrenzt den Außenrand; diesen frei lassend, legt sich über die Grundform ein geraffter, 26 cm breiter Tüllstreifen mit Rüschenabschluß. Vorn Rokokoschleife. Die Fichu-Enden treten in den, vorn auf etwa 13, rückwärts auf 11 cm Breite gefalteten Miedergürtel aus weißem Liberty-Band, der nur mit dem oberen Rande fest aufgesetzt wurde und rückwärts zu zwei Köpfchen abgereiht ist, deren eines den Gürtelschluß deckt. Den Schnitt des dicht einzuhaltenden Oberrockes gibt Fig. 108 in Methode gestellt. Eine Rüsche folgt dem Rockrande, eine zweite steigt von 25 cm vorderer zu 40 cm hinterer Höhe auf. Darüber Schleifen und Blumenschmuck laut Darstellung

Ballkleid mit Garnitur aus flachen Stoffblumen (Beschreibung zur rechten Dame fehlt)


Bolerokostüm mit Pelzbesatz


Gesellschaftskleid mit Schnebbentaille: Interessant und neuartig erscheint an dieser Toilette aus zartblauem Tuch die Taille, die, mit "gerader Magenlinie", vorn zu tiefer, sehr spitzer Schnebbe ausladet. Gleichfarbiger Taffet und Panne, Kunstseidenspitze und eine Stickereibordüre bestreiten die Ausstattung. Zum Nacharbeiten der Taille - wir verweisen auf unsere bekannten Extraschnitte - sind geschickte Hände erforderlich. Die vorn haltende Schnebben-Futtertaille wurde in Form von Westenteilen bis Brusthöhe 9 cm breit glatt mit Taffet bekleidet, je am vorderen Rand kleine Taffetknöpfchen. Unter der vorn etwa 16 auf der Schulter 5, rückwärts 4 cm tiefen Passe aus Spitze mit Chiffon-Unterlage war das Futter fortgeschnitten. Über die Passe und die Westenteile tritt der Oberstoff, der vor dem Zuschneiden in schmale Plisseefältchen und einige Tollfältchen gebügelt wird. Die Falten werden bei der Anprobe entsprechend auseinander resp. übereinander geschoben. Eine 5 cm breite, gestickte Formblende begleitet den oberen Rand, vorn in ersichtlicher Weise zu einer kleinen Patte ausladend. Die vorderen Ränder werden von 4 cm breiten Tuchblenden begrenzt, die, vom Taillenrand bis etwa Brusthöhe festgenäht, hier gekreuzt und den Stickereipatten untergehakt werden. Diese, mit einer 1 cm breiten Taffetblende besetzten Blenden decken zugleich den Ansatz des, vorn und seitlich auf etwa 4, rückwärts auf 6 cm Höhe gefalteten Taffetgürtels. Um das Armloch ist der Taillenoberstoff zu einem 1 cm breiten Köpfchen abgereiht, dem sich - scheinbar im Zusammenhange, - die zwei je 1 1/2 cm breiten Köpfchen des 95 cm weiten, halblangen Ärmelbausches anschließen; letzteren ergänzt eine kurze Spitzenmanschette mit Panneblenden, darüber zwei sehr weite, durch Panneblenden scheinbar zusammengehaltene Taffetplissees. Der etwa 525 cm weite Rock ist in Plissee und Tollfalten gebügelt, die in etwa 40 cm Länge aufspringen und vorn eine etwa 12 cm breite Mitte glatt lassen.  

Gesellschaftskleid mit Schnebbentaille
 

 links: Ballkleid mit Fichugarnitur, rechts: Hauskleid mit Püffchengarnitur