15 Dezember 2022

Ein Loblied auf das Bügeln

 
Edgar Degas, Public domain, via Wikimedia Commons

 
 
"Gut  gebügelt ist halb genäht." - diesen Spruch habe ich in meiner Lehrzeit häufig genug gehört und ich muß zugeben: es stimmt. Bügelvorgänge helfen und unterstützen einen bereits vor dem Zuschnitt, während des Nähprozesses und natürlich verleihen sie dem fertigen Kleidungsstück eine knitterfreie Optik. 
 
Vor dem Zuschnitt:
Bevor ich mein neues Nähprojekt zuschneide, bereite ich die Stoffe vor. Waschbare Stoffe werden zunächst in der Maschine vogewaschen. Zwar hänge ich sie im Nachhinein möglichst glatt zum Trocknen auf die Leine, aber in der Regel komme ich damit nicht um den Bügelvorgang herum. Ein knitterfreier Stoff läßt sich leichter und ordentlicher zuschneiden, und ein guter Zuschnitt ist die Grundvoraussetzung für die Herstellung eines Kleidungsstückes. 😉
Nicht waschbare Stoffe bügel ich vor dem Zuschnitt mit ordentlich Dampf ab. Hierbei achte ich darauf, dass ich das Eisen über die linke Stoffseite gleiten lasse, um unschönen Bügelglanz zu vermeiden. Bei sehr empfindlichen Stoffen hilft ein Tuch zwischen Stoff und Bügeleisen. Sollte ein Stoff unter Einwirkung von Hitze und Feuchtigkeit zum Einlaufen neigen, so passiert dieses jetzt schon beim Vorbehandeln der Stoffe und man kann sich unangenehme Überraschungen während des Nähens ersparen. 

Vor und während der Anfertigung: 
Möchte ich bei meinem Nähprojekt eine Einlage z. B. zum Versteifen von Kragen und Manschetten verwenden, so ist nun der richtige Moment für die Vorbereitung gekommen. Im Handel sind unterschiedliche Vlies- und Gewebeeinlagen erhältlich, von denen viele mit Hilfe des Bügeleisens auf dem Nähgut fixiert werden können. Dieser Arbeitsschritt empfliehlt sich vor dem Nähen, da man jetzt noch die Gelegenheit hat, die zugeschnittenen Teile glatt auf das Bügelbrett zu legen und knitterfrei zu bekleben. Wenn ich das ganze Schnitteil und nicht nur Bereiche davon bekleben möchte, so lohnt sich dieser Vorgang auch vor dem genauen Zuschnitt, da auch das Aufbringen von Einlagestoffen Stoffe zum Einlaufen bringen kann, wenn die Einlage selbst nicht einlaufsicher ist.
 
Während des Nähens hat das Bügeln viele Vorteile. Man erleichtert sich die Anfertigung, indem man Nähte nach dem Nähen mit dem Bügeleisen glättet. Z. B. wird ein verstürzter Kragen besser gelingen, wenn man die Naht vor dem Wenden des Kragens ausbügelt. Nach dem Wenden legt sich der Kragen gleich schöner und bekommt mit dem Bügeleisen den letzten Schliff. 
Nähte wie Kapp- und Rechts-Links-Nähte lassen sich leichter und ordentlicher nähen, wenn man den Zwischenschritt des Bügelns nach dem ersten Arbeitsschritt nicht scheut. Überhaupt kann man sich das Auftrennen mancher "welliger" Naht ersparen, wenn man sie mit dem Bügeleisen glätten kann. 
Des Weiteren lassen sich Teile eines Kleidungsstückes "in Form" bügeln, man spricht hier auch vom Dressieren. So kann man z. B. einen Rockbund gleich in eine Rundung legen und die untere Kante etwas ausdehnen. Er schmiegt sich dann später am Körper besser an. Hierfür gibt es noch viele Beispiele mehr, sei es nun die Ärmel- oder die Gesäßnaht oder noch andere Bereiche, an denen das Kleidungsstück vorgeformt werden kann. Eine weitere Möglichkeit des Formens mittels dressieren ist das "Einbügeln". Bei diesem Vorgang wird unerwünschte Weite eingehalten und fixiert. Als Beispiel sei hier mal ein Abnäherende genannt, durch das eine unschöne "Tüte" unter dem Abnäher entstanden ist. 
Für die unterschiedlichen  Bügelarbeiten gibt es viele verschiedene Bügelhilfsmittel wie Kanten- und Kragenholz, Bügelunterlagen und "Igel"matten, Bürsten und Kissen unterschiedlichster Größe, die einem die Bügelei erleichtern.
Zu guter Letzt sei hier noch erwähnt, dass es Bereiche gibt, die bei einem fertigen Kleidungsstück mit dem Bügeleisen nicht mehr gut erreichbar sind, ich denke da gerade z B. an die aufgesetzten Dekorationen und Puffe eines Frühbiedermeierkleides. Hier lohnt sich ein Glätten während des Herstellungsprozesses und es lohnt sich ebenfalls darauf zu achten, daß man danach das Nähgut nicht unnötig verknickt. Im Allgemeinen macht man sich das Leben leichter, wenn man darauf achtet, das werdende Kleidungsstück während des Herstellungsprozesses so wenig wie möglich zu zerknautschen und es in Nähpausen auf einem Bügel oder der Puppe aufbewahrt. So kann man sich vom Anfang an viel Bügelarbeit ersparen. 😉  

Das fertige Kleidungsstück:
Wenn man nach vielen Arbeitsstunden endlich sein fertiges Kleidungsstück in Händen hält, so sollte man es abschließend noch einmmal "endbügeln" und damit die letzten Knitter entfernen und ihm den letzten Schliff verleihen. Für mich ist nun der Herstellungsprozess erst richtig abgeschlossen und das Kleidungsstück bereit für die Übergabe an den Kunden oder den eigenen Kleiderschrank. 😊 
 
 
 
Blankes Eisen, heisser Stahl
erspart dir manche Müh´ und Qual.